Beispiel einer Aufgabe: „Tut euch zu zweit zusammen, sucht euch ein Bild aus den vorhandenen Fotos heraus und macht einen Haiku“

»ein Haiku besteht aus siebzehn Silben, üblicherweise fünf, sieben und fünf auf drei Zeilen verteilt, die im Prinzip einen Satz bilden, der in einem Atemzug gesprochen werden kann.« Aber da stand noch mehr: ein Haiku handelt von der Natur und enthält ein Jahreszeitenwort. Über den Charakter dieses Gedichts hieß es in dem Buch: »Haiku zeigt die Sicht des Künstlers auf die Dinge in diesem bestimmten Moment, wo sie, so wie sie miteinander sind, bedeutungsvoll werden und eine Stimmung erzeugen, die Raum und Zeit transzendiert.«

Wir wählten Spitzweg „Der arme Poet“   (Bernhard Straßer, Inge Witt)

Frost vor dem Fenster,
der Dichter dichtet nicht mehr,
Bett und Buch sind Trost.

Bericht: Inge Witt

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Textwerkstatt in Grassau

von Reinhard Hauswirth

Uta Grabmüller rief, und wir kamen in die Provinz am vergangenen Sonntag, dem 22. Januar 2017 – etwa ein Dutzend Teilnehmer/innen aus den Reihen der „Chiemgau-Autoren e. V.“ fand sich im Sitzungssaal der Marktgemeinde Grassau ein – die erste Überraschung: uraltes Gebälk unterm Dach, stilvoll restauriert, fast überall Wärme ausstrahlendes Holz als Kontrapunktpunkt zur klirrenden Kälte „Draußen vor der Tür“ (Borchert) – diese urgemütliche rustikale Atmosphäre der Provinz, die nicht nur unsere Kreativität beflügeln kann, sondern mit beitrug zum Erfolg des Veranstaltungsablaufs. Herr Bürgermeister, vielen Dank dafür, dass Sie uns diese ideal geeignete Räumlichkeit zur Verfügung gestellt haben! Das beweist Ihre kulturpolitische Kompetenz! Als „Großer Kreisstädter“ kann ich hierzu nur ein oftmals strapaziertes Zitat aus dem Geschichtsunterricht, betreffend unsere benachbarten Alpenrepublikaner, parodieren: „Mögen andere über die Finanzierung ihres Kulturraums streiten, du glückliches Grassau hast ihn!“ – und nicht nur einen!
Freilich, die Hauptrolle hierfür spielte selbstverständlich Uta Grabmüller, die uns kompetent, souverän, umsichtig und doch nie aufdringlich durch diese durchdacht organisierte Textwerkstatt führte. Bereits das übersichtliche Programmblatt nebst ausgelegtem Materialgeheft ließ uns klar werden, dass hier gearbeitet wird. Schon zu Beginn und auch später nochmals mussten wir erfahren, dass auch Beschränkung Kreativität bedeuten kann: In Partnerarbeit war in kürzester unter Berücksichtigung dreier vorgegebener Begriffe sowie festgelegter Silben- und Zeileneinteilungen zu einem vorgegebenen Bild ein fernöstliches Haiku zu erstellen – zunächst einmal eine Herausforderung für uns! Daraufhin stellte der jeweilige Partner sein Pendant kurz vor, was dieser Veranstaltung zudem eine persönliche Note verlieh, man kam sich auch menschlich näher!
Dass Schreibblockaden auch Schillern [sic!] das Leben bisweilen schwer machten, beruhigte uns; wie man mit solchen Kreativitätseinbrüchen umzugehen hat, wurde originell vermittelt, wobei auch das dazu konträre Problem aufgeworfen wurde – wenn Schreiben zur Sucht wird. Gerade auch vom offenen gegenseitigen Erfahrungsaustausch in Bezug auf unsere Schwierigkeiten beim Schreiben konnte man viel profitieren.
Sprudelt es irgendeinmal jedoch wieder nur noch so ungestüm an Ideen durch unseren Kopf, dann wird ‘s bestimmt ein Roman, nur dass er halt dringend nach einer Strukturiertheit unseres Gedankenwildwuchs verlangt, sollte je eine lesbare Fassung vorliegen – die „Schneeflocke“ als Methode bringt uns hier weiter, ganz ohne Theorie funktioniert ‘s nicht, weil sonst ja der „Durchblick“ fehlt!
Allerdings nicht unbedingt in der Provinz, in Grassau! Im Kurpark fanden wir ihn jedenfalls: „Aiso, a wengei windschiaf in d‘ Häch gmauadd is a fei scho!“ – „Du Banause, das ist doch Stilmittel!“ – „Aha!“
Jedoch leben auch Autor/innen nicht nur vom („)Durchblick(“) zwischen Wörtern und Sätzen, und so sei hier noch eine kurze Parodie angebracht: „Vacuus venter non scribit libenter.“ – auch für köstliche Aufläufe, für oder ohne „… fleischliches Verlangen …“ (Böll) war darum im Hause gesorgt.
So aufgeladen, gaben uns unsere Akkus bei einer Übung zur stilistischen Umgestaltung eines vorgegebenen Textes wieder Energie genug dafür, dass wir unsere Bundeshauptstadt mehrheitlich wegen ihrer finanziellen Tugenden literarisch zum Gespött werden ließen – „Die unendliche Geschichte“!
Ein vorhergehender zeitlich großzügig bemessener Gedankenaustausch verdeutlichte uns die Vielfalt an Schreibarten und Textformen, die die einzelnen Anwesenden bei ihrem literarischen Schaffen pflegen – Sachtexte, doch vor allem poetische Literatur, beispielsweise episch breit oder schlicht und kurz, in Prosa oder in gebundener Sprache, frei-rhythmisch oder streng metrisch, mit oder ohne Frau …
Koffeingedopt nahmen wir uns weiterhin eines ungeliebtes Kindes an, nämlich der dringlichen Überarbeitung eines Textes vor Drucklegung, wobei sich dieser arbeitsintensive Prozess nicht nur auf Inhaltliches erstreckt, sondern in hohem Maße auch stilistische Korrekturen verlangt – und dennoch kann er auch kreative Züge haben.
Bei einer abrundenden Kürzestreizwortgeschichte konnten die meisten von uns ihre biologische Abstammung von blitzschnell agierenden bananensüchtigen Baumbewohnern nicht verbergen – „Back to the roots!“
Dass weitere derartige Veranstaltungen folgen sollten, war unüberhörbar festzustellen. Es darf gerne wieder Provinz mit „Durchblick“ sein – vulgo Grassau. Und, ihr Deutschlehrer, hört schnell alle mal weg – werbedeutsch gesagt: „So geht Autor!“ Danke, Uta Grabmüller!

Reinhard Hauswirth

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