Von Uta Grabmüller

 Wie jeden Monat lud der Verein der Chiemgau-Autoren auch am letzten Montag im Oktober seine Mitglieder und alle Literatur-Interessierten zu Lesung und Austausch ins Studio 16 ein. Die Treffen sind immer wieder gut besucht, bieten sie doch stets ein abwechslungsreiches Programm. Immer drei Kurzlesungen finden statt, die durch Themenwahl und Textgestaltung überraschen, dazu gibt es einen Blick in die Literaturgeschichte. Es sind jeweils Vereinsmitglieder, die die Abende gestalten. Das Oktobertreffen moderierte Sabine Rosenberg, eine Autorin aus Prien. In einem Memo stellte sie einen Schriftsteller und vielseitigen Künstler der Adenauer-Ära vor, den 1976 verstorbenen Heinz Erhardt, der schon vor 40 Jahren eine ironische Darstellung von Europa gab, die durchaus auch die heutige Lage charakterisieren könnte.

Die drei Lesungen ergaben – wiewohl zufällig ausgewählt – einen roten Faden durch die Schilderung schwieriger und unterschiedlich gemeisterter Lebenslagen. Konkrete Fakten und Zeitumstände waren allen Texten zu eigen, und die Vielfalt in ihrer fiktionalen Formgebung beeindruckte die Zuhörer/innen.

Anni Stiegler hat einen Roman geschrieben, der das Leben eines behinderten Kindes und seiner Familie nachzeichnet. Sie las daraus das Kapitel „Keine Angst, ich halte dich“. Die Schilderung eines scheinbar alltäglichen Vormittags, nämlich einer Schwimmstunde mit behinderten Kindern, ließ erkennen, welche Notwendigkeiten, Leistungen und Gefühle das Leben der Familien bestimmen. Der Autorin ist es ein Anliegen, auch aufzuzeigen, welche Chancen und welche Bereicherung damit verbunden sein können.

Rosmarie Mußner, ein neues Mitglied im Verein der Chiemgau-Autoren, hatte das Schicksal ihres Vaters zum Thema ihrer literarischen Arbeit gemacht. In einer genau beschreibenden Erzählung stellte sie die Epoche des Nationalsozialismus anhand jugendlicher Fürsorgezöglinge dar, die nicht der Norm der Machthaber entsprachen und vom System bedroht waren.

Irmelind Klüglein, die im Chiemgau wohlbekannte Märchenerzählerin aus Bergen, zeigte eine neue Seite von sich: Sie, die selbst jahrelang zur See gefahren war, beschrieb „Die letzte Reise“ eines alten Seemannes. In rhythmisierender, teils auch gereimter Prosa gab sie die Reflexionen eines Vielfahrenden angesichts bedrohlicher Naturgewalten in lebhaften Bildern wieder.

Wie immer boten die Lesungen Anlass zu lebhafter Diskussion über die Texte und über das Schreiben allgemein. Alle, die teilnehmen, sind fasziniert von der Sprache. Die Chiemgau-Autoren zeigen mit vielen Veranstaltungen – ob im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage, ob als Lesungen oder als Schreibwerkstätten und Seminare oder mit kleinen Buchausstellungen in den Büchereien des Landkreises – ein ertragreiches kulturelles Angebot, das seinesgleichen sucht. Die Mitgliederzahl des noch jungen Vereins kletterte inzwischen auf 55. Von den Chiemgau-Autoren wird noch allerlei zu hören sein. Das nächste Literaturtreffen findet am Montag, dem 26. November 2018, um 19 Uhr bei freiem Eintritt im Studio 16 statt.

 

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